Wenn Geschwister streiten – wie sollen sich die Eltern verhalten?

Wenn Geschwister streiten – wie sollen sich die Eltern verhalten?

Wenn Geschwister streiten – wie sollen sich die Eltern verhalten?

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Dass Kinder streiten, ist vollkommen normal, aber wenn Geschwister streiten, dann unterscheidet sich dieser Streit von jedem anderen Streit unter Kindern. Während sich der Freund aus der Affäre ziehen kann, in dem er das Schlachtfeld einfach verlässt, müssen bei einem Geschwisterstreit die Kontrahenten weiter unter einem Dach leben. Das erhöht den Druck deutlich, eine Lösung zu finden, aber die muss gefunden werden, denn man muss weiter fest zusammenhalten, zusammen spielen und vor allem gemeinsam Front gegen die Eltern machen.

Was Kinder erreichen möchten

Kinder entwickeln in der Regel schnell ein untrügliches Gespür dafür, mit welcher Strategie sie die größtmögliche Aufmerksamkeit der Eltern erzielen können. Wenn Geschwister streiten, dann belastet das die Familie und es nervt, aber genau das wollen die Kinder ja auch erreichen. Die Geschwister erwarten, dass die Eltern sofort als Schiedsrichter einschreiten, denn nur so können sie herausfinden, wer höher in der Gunst steht. Wenn Geschwister streiten, dann zanken sie aber nicht nur um die Aufmerksamkeit der Eltern, sie streiten auch um Besitz und Privilegien, denn sie leben in dem Glauben, dass alles ein bisschen weniger wird, wenn sie es teilen müssen.

Jeder Streit ist anders

Wenn Geschwister streiten und die Eltern als Schiedsrichter zur Hilfe eilen, dann machen sie sehr oft einen gravierenden Fehler: Sie verkennen gerne die Situation. Das Opferlamm ist nicht selten der Streithammel oder umgekehrt und der aktuelle Streit kann nicht mit den Streitigkeiten in der Vergangenheit verglichen werden. Wenn Eltern die vergangene Streitsituation auf den aktuellen Zank übertragen, dann werden sich die Geschwister auf ein bestimmtes Streitverhalten festlegen. Dieser Mangel an Alternativen führt sehr schnell zu Aggressionen und die Kinder werden ebenso schnell keine andere Option mehr sehen, als zuzuschlagen.

Wenn Geschwister streiten – nicht vorschnell eingreifen

Es ist völlig normal und auch gesund, wenn Geschwister streiten, denn das ist „ein Ausdruck nicht unterdrückbarer gesunder Kräfte im Kind“. So hat es der renommierte amerikanische Psychologe Richard A. Gardener formuliert. Im Streit entwickeln Kinder ihre Persönlichkeit, aber das wird von den Eltern oft unbeabsichtigt unterdrückt. Eltern schüren den Konkurrenzkampf der Geschwister mit Sätzen wie: „Nun gibt schon nach, schließlich bist du doch der Ältere“, oder „ Sie ist deine kleine Schwester, sei doch bitte lieb zu ihr.“ Die Eltern appellieren mit solchen und ähnlichen Sätzen verzweifelt an die Vernunft ihrer Kinder, aber sie merken nicht, dass sie den Zwist noch weiter anheizen. Wenn Geschwister streiten, dann verhallen diese Appelle und eine drohende Untersagung verhärtet die Fronten noch mehr.

Streitigkeiten richtig austragen

Das eigentliche Problem bei einem Streit unter Geschwistern ist nicht der Streit an sich, es ist vielmehr ein Problem, wie er ausgetragen wird. Eltern, die zu schnell eingreifen, nehmen ihren Kindern den Konflikt aus der Hand und sie verpassen damit die große Chance, dass die Geschwister sich besser kennenlernen. Es ist faszinierend, zu sehen, wie schnell kleine Kinder nach einem lautstarken Streit vergnügt wieder zur Tagesordnung übergehen, sie haben den Streit einfach vergessen. Diese beachtliche Fähigkeit macht es möglich, dass die Kommunikation nie abreißt und wenn nach einem heftigen Streit gleich wieder gespielt wird, dann nutzen Kinder die Möglichkeit, ihre unterschiedlichen Gefühle und ihre gegensätzlichen Impulse nacheinander auszuleben. Sie wissen um ihre Aggressionen, aber sie sind in der Lage, dieses Gefühl auch positiv zu sehen, wenn sie ihre Gefühle ausleben können, aber dabei die Regeln einhalten. Die Geschwister bauen füreinander eine Art soziales Training auf und steigern damit ihre Geschicklichkeit, ihre Kondition und auch ihre Ausdauer. Was aber in Hinblick auf das Erwachsenenleben vielleicht noch wichtiger ist, sie lernen, wie man mit einem Konflikt und mit Streit umgeht. Im Streit lernen Kinder auch, unschöne Situationen durchzustehen und das fördert auf lange Sicht ihre soziale Kompetenz.

Bild: © Depositphotos.com / andras_csontos

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Ulrike Dietz

Ulrike Dietz ist verheiratet, Mutter von zwei Kindern und lebt im Hochsauerland. Die Journalistin und Buchautorin schreibt Artikel zu vielen Themen und bezeichnet sich selbst als flexibel, aufgeschlossen und wissbegierig.

— Ulrike Dietz

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